Die Andreas-Story

1989 Beginn in Niederhöchstadt

Als ich Anfang 1989 die Anfrage aus Niederhöchstadt bekam, ob ich mir vorstellen könne, als Pfarrer dorthin zu gehen, musste ich erst einmal in der Deutschlandkarte nachschlagen, wo das eigentlich ist – und das, obwohl ich über jahrzehntelang nur 20 Autominuten davon entfernt gewohnt hatte.

Der erste Eindruck von Niederhöchstadt war für mich nicht gerade überwältigend: eine „Schlafstadt“ im Nordwesten Frankfurts, für meinen damaligen Geschmack viel zu dörflich. Ein Kollege warnte mich: „Passen Sie auf, das ist eine Pfarrerabschussrampe!“ Zu meinem ersten Probegottesdienst kamen besonders viele, die sich den neuen Kandidaten einmal anschauen wollten: Es waren etwa 40 Menschen. Einen Gottesdienst besuchte ich incognito: Inklusive Organist und Prädikantin kamen sage und schreibe 17 Menschen.

Dass ich diese Herausforderung annahm, kann ich mir heute nur noch damit erklären, dass Gott mich an diesen Ort rief. Erstmal zog mich nichts hierher. Allerdings habe ich nicht einen einzigen Tag bereut, nach Niederhöchstadt gegangen zu sein.

1990 Glaubenskurse, Gottesdienste und erster Hauskreis

„Sagen Sie mal, womit haben Sie eigentlich angefangen, Ihre Gemeinde zu verändern?“ ist eine Frage, die ich häufig auf Seminaren gestellt bekomme. Ein ganz wesentlicher Punkt war für mich der Glaubenskurs „Glaube hat Gründe“, der in ausgeführter dann später auch als Buch erschien. Gleich im ersten Jahr bot ich diesen Kurs an, aus dem damals unser erster Hauskreis entstand. Seither habe ich „Glaube hat Gründe“ fast jedes Jahr angeboten, und jedes Mal entstanden daraus neue Kreise.

Gleichzeitig fing ich an, kleine, aber wesentliche Änderungen im Gottesdienst und im Umfeld des Gottesdienstes vorzunehmen. Einzelne liturgische Elemente wurden modernisiert, die Gottesdienstzeit von 9.30 Uhr auf 10.00 Uhr verlegt, der Kindergottesdienst parallel zu dem der Erwachsenen gelegt, immer öfter sangen wir auch moderne Lieder, ich bot Predigtnachgespräche an, ein Teedienst nach dem Gottesdienst wurde installiert usw.

Es gibt keinen Gemeindeaufbau nach „Schema F“. Ich habe – und das würde ich jedem Pfarrer und jeder Pfarrerin empfehlen – bei meinen Gaben und Neigungen angesetzt und dabei doch das Ganze im Auge behalten. An den Punkten, an denen ich schwach war, suchte ich mir nach und nach starke Leute. Sehr geholfen haben mir damals die Schriften von Christian Schwarz, zum Beispiel sein Grundlagenwerk „Die natürliche Gemeindeentwicklung“.

1992 Konflikt (Höhepunkt)

„Wo Gott seine Kirche baut, baut der Teufel seine Kapelle daneben.“ Nachdem ich in die Gemeinde gekommen war, brach ein alter Konflikt wieder auf, der bis in die siebziger / Anfang achtziger Jahre (also lange vor meine Zeit) zurückreichte. Dabei ging es vordergründig um Finanzfragen, in Wirklichkeit aber um einen Machtkampf innerhalb des Kirchenvorstandes. Ich versuchte mich anfangs herauszuhalten, aber das war nicht sinnvoll möglich, weil nicht nur die Arbeit des Kirchenvorstandes, sondern die ganze Gemeinde in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Das Ganze ging durch alle kirchlichen Instanzen bis hin zur Staats- und Oberstaatsanwaltschaft. Alle Instanzen bestätigten meine Sicht der Dinge: In der Andreasgemeinde wurde kein Geld veruntreut. Was die Gegenseite nicht davon abhielt und abhält, dieses Gerücht immer wieder mal zu streuen und an die Presse (z.B. an den in frommen Kreisen gerne gelesenen Informationsdienst IDEA) weiterzuleiten und dabei den Eindruck zu erwecken, als ginge es um aktuelle Vorgänge.

Mit dem Schiedsspruch der Oberstaatsanwaltschaft ist in unserer Gemeinde Ruhe eingekehrt. Für die damals Angeschuldigten und auch für mich aber war es eine harte Zeit. Wir verzichteten darum darauf, der Empfehlung des Oberstaatsanwaltes zu folgen, wegen einer "vorsätzlich oder leichtfertig erstatteten, unwahren Anzeige" unsererseits Anzeige zu erstatten.

1993 Die 120er Barriere, Willow Creek

Schon sehr bald war der Gottesdienstbesuch unserer Gemeinde auf zunächst 80, dann auf 100 und schließlich auf 120 angewachsen. Darüber hinaus wollte die Gemeinde einfach nicht mehr weiter wachsen. Auf einer USA-Reise, die mich mehrere große Gemeinden in den Nähe von Chicago besuchen ließ, lernte ich die Gründe dafür kennen. Ab etwa 100 Kerngemeindegliedern wechselt die Rolle des Pfarrers. Vorher kennt er im Wesentlichen die Menschen beim Namen und ihre Geschichten. Zu dem meisten hat er persönlichen Kontakt. Über 120 ist das nicht mehr möglich. Die Rolle des Pfarrers wechselt „vom Pastor (Hirten) zum Rancher“, vom Versorger, der für alle da ist, zum Multiplikator, der für das Ganze da ist. Ein solcher Rollenwechsel muss freilich nicht nur von dem Pfarrer oder der Pfarrerin gewollt, sondern auch von der Gemeinde und vor allem vom Kirchenvorstand mitgetragen werden.

Wesentliche Impulse bekam ich dabei in der Gemeinde von Willow Creek. Was mich dort tief beeindruckte waren (1.) die radikale Ausrichtung auf Kirchendistanzierte, (2.) die konsequente Gabenorientierung der Mitarbeitenden, (3.) die leidenschaftliche Hingabe aller Gemeindeglieder, (4.) der hohe Qualitätsstandard der Gottesdienste, (5.) das hohe Maß an Authentizität, Integrität und Transparenz, das dort herrschte, (6.) das Kleingruppen-Netzwerk aus damals vielen Hundert Hauskreisen und Dienstgruppen (heute sind es über 3000) sowie (7.) das, was sie in Willow „Beziehungs- oder Freundschaftsevangelisation“ nannten.

Um es deutlich zu sagen: Willow Creek ist keine Sekte. Hier in Deutschland würden wir Willow Creek als eine evangelikale Freikirche bezeichnen. Man muss in der Theologie und Vorgehensweise nicht alles teilen, um von Willow und dessen leitendem Pastor Bill Hybels tief beeindruckt zu sein und inspiriert zu werden. Ich kann jedem nur eine Reise dorthin empfehlen oder den Besuch eines Willow-Creek-Kongresses, wie er mittlerweile jährlich auch in Deutschland durchgeführt wird.

http://www.willowcreek.de
http://www.willowcreek.org
http://www.welt.de/data/2006/04/15/874119.html

1994 Gemeindeaufbauverein

Da die Kirche uns trotz anhaltenden Wachstums eine weitere, dringend benötigte Pfarrstelle nicht bewilligen wollte, gründeten wir 1994 einen Verein mit der Absicht, zusätzliches Personal für die Andreasgemeinde zu finanzieren. Das ist heute nichts mehr Besonderes, damals bekamen wir richtig Ärger. Ob wir denn eine Freikirche werden wollten, wurden wir gefragt. Nein, sagten wir, wir wollten lediglich dringend benötigtes Personal finanzieren, für das in der Gesamtkirche offensichtlich kein Geld da war. Heute gehört eine Vereinsgründung zu den völlig normalen Finanzierungs-Tools einer Gemeinde. Was wieder einmal zeigt, dass das heute noch Unerlaubte morgen vielleicht schon das Übliche ist, und dass die Grenze zwischen "Ungehorsam" und "vorauseilendem Gehorsam" oft eine fließende ist.

Auch unsere Gemeinde musste sich an dieses neue Finanzierungsintrument erst einmal gewöhnen. Anfangs spendeten nur wenige Menschen in den Verein, das aber kräftig und regelmäßig. Zwei Jahre später stellten wir unsere erste Kraft ein: Kai Scheunemann, dem wir damals für 400 DM (!) im Monat stundenweise bezahlten.

Heute generiert der Gemeindeaufbauverein der Andreasgemeinde über 200.000 Euro im Jahr und hat derzeit sieben Leute unter Vertrag. Wenn Sie Interesse haben, in Ihrer Gemeinde etwas Ähnliches einzuführen, können Sie die Satzung unseres Vereins downloaden und für Ihre Belange entsprechend abändern.

http://www.andreasgemeinde.de/php/cms.php?page=/gemeinde/gav.cms

Download: Satzung

1995 Start von GoSpecial

GoSpecial ist das bekannteste „Produkt“ unserer Gemeinde. Angefangen hat es im Dezember 2005 in unserer Gemeinde. Ein Gospelchor hatte sich angesagt und wir nahmen die Gelegenheit wahr, ein völlig neues Gottesdienstkonzept zu starten. „Wir“, das war neben mir vor allem Fabian Vogt, mein damaliger Vikar und heutiger enger Freund und Kollege, sowie ein Team von rund 12 ehrenamtlichen Mitarbeitern, die wir fast zwei Jahre auf diese Aufgabe vorbereitet hatten. Zunächst als externer, dann als interner Berater stieß ein weiterer Freund fürs Leben zu uns: Kai Scheunemann, der nach einem Jahr die Leitung von GoSpecial übernahm.

GoSpecial, so war von Anfang an die Absicht, sollte sich strikt an Menschen wenden, die in einer mehr oder minder deutlichen Distanz zu Gott, Glaube und Gemeinde leben. Seither sind die bestimmenden Elemente von GoSpecial im Wesentlichen gleich geblieben: Moderne Musik, Theater, Predigt mit anschließender Möglichkeit für Rückfragen, auf Zetteln eingesammelte Gebete, Talkgäste sowie ein First-Class- Kinderprogramm machten diesen Gottesdienst zu einem ganz besonderen Erlebnis, das deutschlandweit für Aufsehen gesorgt hat. Dutzende Male wurde in Rundfunk und Fernsehen über GoSpecial berichtet und die Anzahl der Presseartikel geht in die Hunderte.

Schon bald mussten wir immer öfter in das benachbarte Bürgerzentrum ausweichen, weil unser doch recht kleines Gemeindezentrum den Andrang nicht mehr fassen konnte. Nach zwei Jahren wechselten wir vollends in Bürgerzentrum, und boten dort erst zwei, dann drei GoSpecials hintereinander an. Seit 2004 hat GoSpecial seine vorläufige Heimat im Kinosaal 1 des Kinopolis in Sulzbach gefunden. Der Durchschnittsbesuch von GoSpecial liegt bei etwa 600 Menschen.

GoSpecial ist eine eigener Abschnitt auf dieser Homepage gewidmet, auf den ich hier ebenso verweise wie auf die Internet-Site www.gospecial.de und das gleichnamige Buch, das Fabian, Kai und ich zu diesem Thema geschrieben haben.

1997 Vier Gottesdienste

Obwohl wir unseren normalen 10.00-Uhr-Gottesdienst bereits im Vorfeld von GoSpecial immer mehr modernisiert hatten, war der Unterschied zwischen der einen und der anderen Gottesdienstform für viele unüberwindbar groß. Sie fanden GoSpecial klasse und wollten sich gerne auf mehr einlassen, der in seinen Grundzügen immer noch traditionelle Gottesdienst aber war für sie ein Kulturschock. Überhaupt war die Unzufriedenheit in unserem aufgelockert traditionellen Gottesdienst gewachsen. Den einen war dieser mittlerweile viel zu modern, den anderen war er nicht modern genug.

Darum differenzierten wir 1997 unser Gottesdienstangebot ein weiteres Mal. An den zweiten Sonntagen des Monats, an denen der GoSpecial stattfand, boten wir morgens um 10.00 Uhr einen ganz klassischen Gottesdienst an. An den übrigen Sonntagen findet seither – wie gehabt – morgens um 10.00 der aufgelockert-traditionelle Gottesdienst und nachmittags bzw. abends ein moderner Gottesdienst statt. Die Tatsache, dass es mittlerweile zwei moderne Gottesdienste sind, zeigt, wie groß die Nachfrage nach alternativen Gottesdienstformen ist. Aus dem ursprünglichen „zweiten Programm“ ist mittlerweile längst eines geworden, das mit dem „Ersten“ auf Augenhöhe steht.

Über die genannten drei genannten Gottesdienstformen hinaus experimentieren wir seit 1997 auch mit vertiefenden, eher meditativen Gottesdienstkonzepten. Zunächst war das die mittwöchliche „Oase“, heute die vierteljährlich stattfindende „Andreasmesse“ (ein auf unsere Gemeinde zugeschnittener Ableger der so genannten Thomasmesse) sowie die abendliche „Auszeit“ an GoSpecial-Sonntagen.

Einen Überblick über unsere Gottesdienstkonzepte finden Sie auf www.andreasgemeinde.de, wenn Sie dort „Gottesdienste“ anklicken.

1999 Beginn des Andreasnetzes, Tochtergemeinde in Sachsen-Anhalt

Fünf Jahre nach der Einführung von GoSpecial verging fast keine Woche, ohne dass uns zwei oder drei Anfragen aus anderen Gemeinden erreicht hätten: Bitten um einfache Auskünfte und Tipps, Fragen, ob meine Kollegen oder ich andernorts ein Seminar durchführen könnten und schließlich immer wieder der Wunsch nach Vernetzung. Zwar gab und gibt es das hervorragend organisierte Willownetz, aber offensichtlich war das Bedürfnis nach einem spezifisch deutschen Angebot mit landeskirchlichem Hintergrund so hoch, dass wir uns – obwohl selber Mitglied im Willownetz – kurzerhand entschlossen, ein eigenes Netzwerk anzubieten.

Freilich lief das Andreasnetz in den ersten Jahren nur schleppend. Das lag größtenteils an uns selbst, die wir unsere Energie überwiegend in die eigene Gemeinde steckten. So sind wir sehr dankbar, dass wir seit Anfang 2005 das Andreasnetz an den C&P-Verlag verkauften und damit in professionelle Hände gaben. Die Verbindung von Verlag, Internet-Community und gemeindlichem Netzwerk scheint uns eine sehr verheißungsvolle Kombination zu sein. Nähere Infos: http://www.andreasnetz.de

1999 sandten wir mit Markus Nierth einen befreundeten Pfarrer in den Osten Deutschlands aus, der dort auf dem „Lindenhof Burtschütz“ in Tröglitz bei Zeitz (rund 45 km südlich von Leipzig) eine Arbeit unter Menschen aufbaut, die sonst in keine Kirche kommen würden und die auch sonst durch den Rost unserer Gesellschaft zu fallen drohen. Die Geschichte des Lindenhofs ist voll von Scheitern und Rückschlägen, aber immer wieder gibt es auch Erfahrungen und Erlebnisse, die Mut machen. Nähere Infos: http://www.lindenhof-burtschuetz.de

2000 „Gemeindephilosophie“

Im Jahr 2000 verabschiedete der Kirchenvorstand unserer Gemeinde eine „Gemeindephilosophie“, die Sie auf dieser Homepage nachlesen können. Bitte bedienen Sie sich und ändern Sie die Inhalte so ab, dass sie auf die Bedürfnisse und Besonderheiten Ihrer Gemeinde passen.

Der offiziell verabschiedeten „Gemeindephilosophie“ ging ein Prozess voraus, der viele Monate, bei genauer Betrachtung sogar Jahre dauerte. Heute reden viele davon, dass eine Gemeinde ein Leitbild braucht, aber damals war das noch recht neu. Wir haben bei uns die Eckdaten einer möglichen „Gemeindephilosophie“ zuerst kirchenvorstandsintern diskutiert, dann mit den Hauskreisleiter/innen und Bereichsleiter/innen ausführlich besprochen und die Ergebnisse schließlich der Gesamtgemeinde vorgestellt. Erst nach diesem Prozess wurde die endgültige Fassung verabschiedet.

2001-2004 Krise

Als ich im Jahr 2001 dem Kirchenvorstand eröffnete, dass ich mich von meiner Ehefrau Susanne trennen und mein Amt als Pfarrer der Andreasgemeinde zur Verfügung stellen würde, stürzte unsere Gemeinde in eine Krise, die uns einige Jahre schwer erschütterte. Der Kirchenvorstand rief ein einjähriges „Moratorium“ (lat. = Aufschub, Verzögerung) aus. In diesem Jahr sollte weder von meiner noch von gemeindlicher Seite eine Entscheidung gefällt werden, ob ich gehe oder nicht. Statt dessen führten wir unendlich viele Gespräche. Es war ein sehr schmerzhafter Prozess, an dem sich meine Position zu der Frage, ob ich bleiben sollte oder nicht, nahezu täglich änderte. Gegen Ende des Moratoriums erhob der Kirchenvorstand im Mai 2002 innerhalb der Gemeinde ein Stimmungsbild. Rund 80% der Leute votierten dafür, dass ich bleiben solle, ein Votum, dem sich der Kirchenvorstand mit nicht ganz so großer, aber doch deutlicher Mehrheit anschloss. Ich nahm nach einigen Wochen Bedenkzeit dieses Ergebnis aus Gottes Hand und entschloss mich, zu bleiben. Heute bin ich davon überzeugt, dass dieser Entschluss richtig war, damals sprach ich ihn mit erheblichem Zögern aus.

Dass die Krise unserer Gemeinde so tief reichte und lange währte, lag nicht nur am Scheitern meiner Ehe. Jahrelang schon hatte es im Gebälk unserer Gemeinde immer wieder mal geknirscht. Wir waren über 12 Jahre immer nur gewachsen und hatten – „besoffen“ vom Erfolg – vergessen, für eine ordentliche Fundamentierung zu sorgen. Das alles brach in dieser Zeit voll über uns ein. Die Zahlen gingen rapide zurück (Gottesdienstbesucher, Mitarbeitende, Spenden). Äußerlich waren wir alles andere als erfolgreich, aber wir investierten in die Dinge, die wir jahrelang so sträflich vernachlässigt hatten: in die Hauskreise, in die Mitarbeitendenbegleitung, in liebevolle Beziehungen, wir intensivierten Gebet und Bibellese etc. So war die Zeit der Krise im Nachhinein gesehen auch eine Zeit der besonderen Gnade. Ich bin froh und dankbar, dass die Krise im Jahr 2004 zu einem Stillstand gekommen ist und dass es seit 2005 mit unserer Gemeinde wieder spürbar auf- und vorwärts geht.

2005 gGmbH

Schon im Jahr 2000 hatte ich den Plan gehabt, mit einer gemeinnützigen GmbH ein zusätzliches Finanzierungsinstrument für unsere Gemeinde zu schaffen. Dieser Plan ging in der Krise verständlicherweise unter, wurde aber im Jahr 2005 wiederbelebt. Anders als der 1994 gegründete Gemeindeaufbauverein, dessen Hauptaufgabe die Finanzierung von Personal ist, sollte die gGmbH vor allem Projekte unterstützen, die mit den normalen Haushaltsmitteln einer Kirchengemeinde nicht zu finanzieren sind. Da wir für 2006 schon einige konkrete Projekte im Sinn hatten (Buch- und Kirchenladen „7. Himmel“, „JustGo“), wurde die gGmbH binnen weniger Monate ins Leben gerufen, und es ist enorm, was die „Gesellschaft der Freunde und Förderer der Andreasgemeinde m.b.H." bereits bewerkstelligen konnte.

Im Jahr 2006 schrieb ich an dieser Stelle: "Damit bin ich mit meinen Finanzierungs-Träumen für die Andreasgemeinde nicht am Ende. Der nächste große Schritt wird in meinen Augen die Gründung einer Andreasstiftung sein. Dafür allerdings brauchen wir ein hohes Grundkapital, das wir derzeit noch nicht haben. Ich gehe aber davon aus, dass die Andreasstiftung bis zum Ende des Jahrzehnts installiert sein wird." Ich freue mich sehr, dass dieser Traum im Jahr 2009 in Erfüllung gegangen ist.

2006 Buch- und Kirchenladen „7. Himmel“, JustGo,
Expedition zum Ich

Das Jahr 2006 war in meinen Augen das beste, das ich in Niederhöchstadt bisher erlebt habe. Eine Höhepunkt jagte im ersten Halbjahr den nächsten. Am 18. März eröffneten wir mitten im kleinen Ladenzentrum unseres Ortes, nur 50 Meter von unserem Gemeindezentrum entfernt, den Buch- und Kirchenladen „7. Himmel“. Für mich ging damit ein lang gehegter Traum in Erfüllung, und ich freue mich, dass das Konzept von „Büchern, Begegnung und Beratung“ in unserem Ort so positiv aufgenommen wird. Federführend im Aufbau und in der Leitung dieses Erfolgsprojekts ist meine Kollegin Anke Wiedekind, die bei uns als junge Kirchenvorsteherin angefangen hat und seit 2001 hauptamtlich als pastorale Mitarbeiterin bei uns tätig ist: zunächst für Geschäftsführung, mittlerweile auch für Hauskreisarbeit und Mitarbeitendenbegleitung.

Am 20. Mai 2006 fand in der Jahrhunderthalle Höchst „JustGo“ statt, der von unserer Gemeinde organisierte „erste Kirchentag für neue Gottesdienste“. Was mir Hoffnung macht, ist weniger die Tatsache, dass eine kleine Gemeinde an diesem Tag so viel bewegen konnte, sondern dass 1500 Leute aus über 400 anderen Gemeinden kamen, um nach neuen Wegen zu suchen. Der sich direkt an den Kirchentag anschließende GoSpecial-Gottesdienst hatte knapp 2000 Besucherinnen und Besucher und das abendliche Musical zur Geschichte Gottes sogar 2600. Rund 400 Mitarbeitende sanken spät nachts völlig erschöpft, aber erfüllt und glücklich in ihre Betten.

Ab Pfingsten 2006 fand dann die Aktion „Expedition zum ICH - In 40 Tagen durch die Bibel“ statt. Rund 420 Leute aus unserer Gemeinde und ihrem Umfeld lasen gemeinsam das gleichnamige Buch von Fabian Vogt und mir, trafen sich wöchentlich in 49 Gesprächsgruppen und besuchten einen der vier begleitenden Gottesdienste, die wir während der Aktion sonntags anboten. Die 40-Tage-Aktion hatte nachhaltige Folgen: Die meisten der 49 Gruppen beschlossen, das Buch anschließend noch einmal über das Jahr verteilt zu lesen. Flankierend dazu boten wir anschließend bis zum Sommer 2007 eine 40-teilige Predigtserie zu den 40 Themen der Expedition an.

Mittlerweile zeigt sich, dass die "Expedition zum ICH" eine echte Erfolgsgeschichte ist. Über 12.000 Exemplare haben sich davon in den ersten drei Jahren verkauft - das ist im christlichen Bereich eine sensationell gute Auflage, für mich ein echter Über-raschungserfolg. Für 2009 ist zu meiner großen Freude eine Hörbuchausgabe geplant.

2007 Umbrüche, Ankündigung meines Weggangs

Das Jahr 2007 war für mich ein Jahr der Umbrüche. So heiratete ich im Mai die Berliner Lobpreisleiterin Kathrin Jädicke. Dieser Schritt kam für viele sehr überraschend, da ich Kathrin erst Anfang des Jahres kennen gelernt hatte. Im Sommer zog Kathrin, deren erster Ehemann rund ein Jahr vorher überraschend gestorben war, mit ihren beiden Kindern nach Niederhöchstadt. Sie eroberte die Herzen der Menschen im Sturm. Selbst diejenigen, die aufgrund unserer "heimlichen Blitzhochzeit in Las Vegas" etwas irritiert gewesen waren, nahmen Kathrin binnen kürzester Zeit mit offenen Armen auf und viele gaben ihrer Freude Ausdruck, dass nach sechs Jahren endlich wieder eine komplette Familie im Pfarrhaus wohnte.

Doch in mir wuchs der Wunsch, mich auch beruflich noch einmal zu verändern und auf neue Perspektiven einzulassen. So viele Umbrüche hatte ich in den letzten Jahren erfahren - nur in meinem Beruf nicht. Zwar hatte ich mir die wahrscheinlich abwechslungsreichste Gemeinde Deutschlands ausgesucht, die mir überdies mit meiner Autoren- und Seminartätigkeit einen spannenden Blick über den gemeindlichen Tellerrand hinaus ermöglichte. Dennoch: Ich war jetzt 18 Jahre in Niederhöchstadt und empfand, dass die Gemeinde nun "volljährig" sei und es für mich langsam Zeit für einen beruflichen Wechsel wurde. So kündigte ich am 4. September 2007 - pünktlich zu meinem 49. Geburtstag - an, dass ich die Gemeinde innerhalb von zwei Jahren verlassen würde. Manche haben mich gefragt, warum ich das getan und ob ich mich damit nicht selbst unnötig unter Druck gesetzt hätte. Aber mein Veränderungswille bzw. entsprechende Aktivitäten wären in der Gemeinde ohnehin nicht lange verborgen geblieben. Daher entschloss ich mich, von Anfang an mit offenen Karten zu spielen.

2008 Geordnete Übergabe, Vision 2012

Das folgende Jahr war davon bestimmt, meine Nachfolge in der Andreasgemeinde zu regeln, soweit das von unserer Seite überhaupt möglich ist. Wer mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin wird, obliegt nämlich nicht dem Kirchenvorstand, sondern unserer Kirchenleitung. Aber intern ist die Andreasgemeinde hervorragend aufgestellt. Ich zog mich im Lauf des Jahres mehr und mehr aus den Leitungsfunktionen heraus und gab die verschiedenen Verantwortungsbereiche sukzessiv an andere ab.

Im Herbst starteten wir die "Expedition zum WIR" - ein Gemeinschaftswerk von fünf Autor/innen aus der Andreasgemeinde, das bei unseren Leuten entsprechend gut ankam. In das Buch müsste aber noch eine Menge Arbeit gesteckt werden, um daraus ein wirklich einheitliches Werk zu schustern. So ist es fraglich, ob und wann es die nötige Marktreife bekommt, um eines Tages auch im Buchhandel zu erscheinen.

Am ersten Advent 2008 feierten wir erstmalig unseren "Andreastag" in der Stadthalle in Hofheim mit über 500 Besucher/innen. Anke Wiedekind und Kai Scheunemann verkündeten dort unter anderem die "Vision 2012", die unser Kirchenvorstand für die nächsten vier Jahre entwickelt hatte. Dies ist die erste ausformulierte Vision der Andreasgemeinde seit dem Jahr 2001, und ich bin stolz darauf, dass diese weitgehend ohne mein Zutun entwickelt wurde.

2009 Andreasstiftung, Ende meiner Pastorentätigkeit in Niederhöchstadt

Am 21. Juni 2009 wählte die Andreasgemeinde einen neuen Kirchenvorstand. Wir feierten ein großes Fest und riefen am gleichen Tag die Andreasstiftung ins Leben. Mit dieser Stiftung schaffen wir eine finanzielle Grundlage, um den Menschen unserer Gemeinde auch in 20 Jahren, wenn es manchen Prognosen zufolge nur noch halb so viel Kirchen-steuern geben wird, weiterhin einen guten Service bieten zu können. Wobei wir mit der Stiftung nicht nur auftretende Lücken stopfen, sondern auch neue Bereiche einer zukunftsfähigen Gemeindearbeit fördern und erschließen wollen. Wir freuen uns, wenn Sie etwas zustiften (ab 3000 EUR) oder die Andreasstiftung in Ihrem Testament bedenken!

Gottes Wege sind manchmal wirklich spannend. Pünktlich eine Woche vor Ablauf der Zwei-Jahres-Frist, die ich mir für meinen Weggang aus Niederhöchstadt gesetzt hatte, bekam ich einen Anruf aus unserer Kirchenzentrale in Darmstadt: "Können Sie sich vorstellen, für ein gutes halbes Jahr in unserer Personalabteilung als theologischer Referent mitzuarbeiten? Bei uns ist jemand vorübergehend ausgefallen, wir brauchen dringend Unterstützung." - Noch im Sommer hatte ich an dieser Stelle geschrieben: "Es ist sehr gut möglich, dass ich danach erst mal eine vorübergehende Tätigkeit ausüben werde, bis ich meinen neuen 'Platz im Leben' gefunden habe." - Genauso ist es nun gekommen, und zwar überraschend schnell. Seit Ende September arbeite ich jetzt in Darmstadt. Unter anderem bin ich zuständig für die Potenzialanalysen (Assessment Center) unseres theologischen Nachwuchses und von Seiteneinsteiger/innen aus anderen Landeskirchen. Ich kann hier meine theologische Kompetenz und meine Erfahrung aus 25 Jahren Gemeindepraxis einbringen. Vor allem lerne ich aber von der Pieke auf, wie Personalarbeit, aber auch wie Kirchenverwaltung funktioniert - beide Erfahrungen werde ich sicherlich noch brauchen können.

Es ist eine Stelle auf Zeit, die ich dankbar aus Gottes Hand nehme und auf der ich mich sehr wohl fühle. Spätestens nächsten Sommer werde ich etwas anderes tun - was, das überlasse ich getrost Gott, der mich bis hierher auch so wunderbar geführt hat. Nicht jeder versteht diesen Schritt, aber vor 20 Jahren hat auch nicht jeder verstanden, wieso ich in das damals völlig unbekannte Niederhöchstadt gegangen bin.

Auch die Andreasgemeinde lässt sich Zeit, einen geeigneten Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu finden. Wenn Sie Interesse haben und die aus Hessen kommen und die entsprechenden Voraussetzungen mitbringen, freuen wir uns über Ihre unverbindliche Anfrage. Ich bin und bleibe mir gewiss, dass sowohl für die Andreasgemeinde als auch für mich als auch für Sie, liebe Leserin und lieber Leser dieser Website, gilt, was der Epheserbrief in die wunderbaren Worte fasst:

„Gott kann viel mehr tun, als wir von ihm erbitten
oder uns auch nur vorstellen können. So groß ist seine Kraft, die in uns wirkt.“


(Epheser 3, 20 nach der „Hoffnung für alle“-Übersetzung)

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